Die großen Kapitel der Geschichte der Habsburger in Vorderösterreich

Im Gebiet, das sich von den Vogesen über den Bodensee bis nach Tirol erstreckt und das ehemals als „Österreichisches Vorland“ oder „Vorderösterreich“ bezeichnet wurde, entdeckt der Reisende hier ein Wappen, dort einen Eckpfeiler oder einen Schlussstein mit einem eingravierten Datum, sowie unzählige Kapellen, Schlösser und Burgen, Kirchen und Klöster, von denen einige heute nur noch Ruinen sind. Sie alle stellen wichtige Zeugen der Habsburger Dynastie dar, die eine für die gesamte Region entscheidende Epoche geprägt hat.
996
Erste Nennung von Ostarrichi/Österreich in einer Schenkungsurkunde König Ottos III.
1027
Gründung des Klosters Muri durch Ita von Lothringen und Radbot von Altenburg.
1090
Um 1090 Erwähnung der Habsburg in Aargau.
1245
Erwerbung im Unterelsaß durch Heirat.
1275
König Rudolf I. läßt in Ensisheim die sogenannte Königburg bauen.
1315
Habsburgische Niederlage gegen die Eidgenossen und Gebietsverluste.
1351
Privileg zur Abhaltung des Narrengerichts in Stockach.
1368
Freiburg und ein Teil des Breisgaus unterstellen sich Habsburg.
1381
Erwerb der Herrschaft Hohenberg mit Rottenburg a.N.
1415
Verlust des Aargaus an die Eidgenossen.
1457
Gründung der Universität Freiburg durch Erzherzog Albrecht VI..
1465
Erwerb der Grafschaft Nellenburg.
1486
Erwerb der Landvogtei Schwaben.
1520-1534
Württemberg unter habsburgischer Herrschaft.
1535-1555
Bau des spätgotischen Regimentshauses in Ensisheim.
1563-64
Errichtung einer Münzprägestätte in Thann/Sundgau.
1582-1634
Münzprägestätte in Ensisheim.
1651
Verlegung des vorderösterreichischen Regierungssitzes nach Freiburg im Breisgau.
1665-1803
Alle österreichischen Erblande unter der habsburgischen Hauptlinie.
1765
Anlässlich der Hochzeit von Leopold (Kaisersohn) und Maria Ludovica stirbt am 18. August Kaiser Franz Stephan von Lothringen in Innsbruck.
1803-1806
Abtretung des vorderösterreichischen Breisgaus an den Herzog von Modena.
1807-09
Mönche des aufgehobenen Klosters St. Blasien übersiedeln nach Kärnten und nehmen die Gebeine der frühen Habsburger mit.
1020
Errichtung der Habsburg auf Anregung Wernhers von Straßburg.
1049
Gründung der Abtei Ottmarsheim-Elsaß durch Rudolf.
1130
Erwerb von Landser und Ensisheim den Kernlanden im Elsaß.
1264-1308
Ausweitung des habsburgischen Besitzes in der Schweiz.
1278/82
Erwerb der Herzogtümer Österreich und Steiermark.
1324
Grafschaften Pfirt, Altkirch, Thann und Rosenberg/ Rougemont durch Heirat erworben.
1363
Grafschaft Tirol wird von den Habsburgern erworben.
1379-1655
Vorderösterreich und Tirol unter einer habsburgischen Nebenlinie.
1386
Schlacht bei Sempach, Untergang eines vorderösterreichischen Ritterheeres und Symbol der Niederlage Habsburgs gegen die Eidgenossen.
1450
Österreich akzeptiert stillschweigend die Schweizer Eroberungen.
1460
Verlust des Thurgaus an die Eidgenossen.
1469-1474
Verpfändung des Elsaß, Breisachs und der Waldstädte an Karl den Kühnen von Burgund.
1510
Einrichtung einer Regierung in Ensisheim für Elsaß, Sundgau, Breisgau und Schwarzwald.
1524-25
Bauernkrieg mit Schwerpunkten am Oberrhein und in Tirol.
1548-50
Erwerbung der Stadt Konstanz und der Landvogtei Ortenau.
1570
Einrichtung einer Kammer/Finanzverwaltung in Ensisheim.
1618-1648
Dreißigjähriger Krieg, an dessen Ende Österreich das Elsaß an Frankreich abtreten muss.
1678-1698
Freiburg unter französischer Herrschaft.
1759-63
Errichtung der vorderösterreichischen Regierung und Kammer in Freiburg für Vorarlberg, Schwaben und Breisgau.
1770
Prunkvolle Hochzeitsreise Marie-Antoinettes, Tochter Maria Theresias, durch Vorderösterreich.
1805
Friede von Pressburg, in dem Vorderösterreich den Habsburgern verlorengeht.
1815
Österreich verzichtet auf dem Wiener Kongress auf Vorderösterreich.
Verein Im Dom zu Speyer ist die Grabplatte jenes Ahnherren des Geschlechts zu sehen, mit dem die Habsburger zum ersten Mal ins Rampenlicht der großen Geschichte treten: Rudolf von Habsburg. 1273 hatten die deutschen Kurfürsten diesen, wie viele meinten, »armen« Provinzadligen als Kompromisskandidaten zum deutschen König gewählt; sie hatten den Auserkorenen wohl unterschätzt. „Herrgott im Himmel, sitz fest, sonst nimmt dir dieser Rudolf deinen Platz”, soll der Bischof von Basel ausgerufen haben, als er von der Wahl erfuhr.

Er wusste aus eigener »leidvoller« Erfahrung besser, mit welchem Meister des Intrigierens, Bekriegens und Belagerns er es zu tun hatte. Dabei hatte der Habsburger durchaus auch andere Seiten, wie Legenden variantenreich erzählen: Edelmut, fröhliche Volksnähe, Gottesfurcht, aber auch Selbstbewusstsein.


Das lag schließlich in der Familie, denn schon die Vorfahren hatten Sinn für Großes. Und „arm„ war man auch nicht, vielmehr seit dem ausgehenden 10. Jahrhundert vermögend beidseits des oberen Rheins nahe dem Bodensee, im Aargau und im Elsass und Schwarzwald. Und auch für’s Kirchliche hatte die Familie Einiges übrig. Schon um die Jahrtausendwende wird von zwei Söhnen eines Lanzelin aus dem Klettgau berichtet, die durch Klostergründungen auf sich aufmerksam machen. Der eine, Radbot, gründet das Kloster Muri, dessen illustren Geschichtsschreibern wir nicht nur die Facts der Habsburgergeschichte verdanken, sondern auch jene Geschichten, aus denen Legenden gewoben werden. Der andere Bruder, ein Rudolf, macht durch die Gründung des Nonnenklosters Ottmarsheim nahe dem heutigen Mulhouse von sich reden. Die fromme Tat zeugt nicht eben von fehlendem Selbstbewusstsein: Keine geringere als die Platzkapelle Karls des Großen in Aachen stand Pate für die achteckige Kirche.

Ausgerechnet dem Dritten aus der Familie, Wernher, Bischof von Straßburg, verdanken wir schließlich das höcVerein hst profane Bauwerk, das der Familie und der Dynastie ihren Namen gab, die Habsburg, oberhalb des Zusammenflusses von Aare und Reuss. Es sollten damals jedoch noch fast 100 Jahre vergehen, bis ein Burgherr sich als Graf von Habsburg bezeichnete. Überhaupt: Die Kirche, Gott und der rechte Glaube - das Thema durchzieht die ganze Habsburgergeschichte wie ein roter Faden. Klöster, Kirchen, fromme Stiftungen und vieles mehr - reiche Spuren, die zeigen: Gott und der Kirche dienen, sie zu schützen und den Glauben zu verteidigen gegen Ketzer, Ungläubige und allen Wildwuchs, das war ureigenste Sache des Hauses.

1254 erwerben die Habsburger beispielsweise das Kloster St. Blasien im Schwarzwald, schon der weitverzweigten Herrschaftsrechte im südlichen Schwarzwald wegen damals begehrtes Objekt. Als die Mönche 1807 nach der Auflösung des Klosters - Vorderösterreich gab’s schon nicht mehr - den Schwarzwald verlassen und in ihre neue österreichische Heimat ziehen, nehmen sie - selbstverständlich - die Gebeine der in St. Blasien begrabenen frühen Habsburger mit, aber auch eine Sammlung von Kunstschätzen, die das herrscherliche Wohlwollen trefflich widerspiegeln. Oder jenes Kloster Königsfelden, das seine Existenz der Sühne und dem Gedenken an einen Königsmord im Jahre 1308 verdankt. Dem Doppelkloster stand die ungarische Königswitwe und Tochter des dahingemordeten Königs Albrecht I. vor, Agnes, eine bemerkenswerte Frau. In den Turbulenzen im Herrscherhaus jener Tage war sie das eigentliche Familienoberhaupt, eine geschickte Vermittlerin in einer fehdenreichen Zeit, auch zwischen den freiheitsstrebenden Eidgenossen und dem Herrscherhaus, eine kluge Ratgeberin ihrem Neffen Rudolf, der als „Stifter“ – der Stephanskirche in Wien in ihrer heutigen Form – in die Geschichte eingehen sollte. Die Kirche des ehemaligen Klosters ist noch erhalten; ihre unschätzbar schönen Glasfenster lassen etwas von der Pracht und dem Reichtum erahnen.

Oder jenes Stift Stams in Tirol, die Grablege derhabsburgischen Tiroler Landesfürsten. Die zwölfreich vergoldeten Statuen der hier Bestattetenlassen etwas von der Gunst erahnen, die das Stift genoss. Wie hier lässt auch das allerdings leer gebliebene - Grabmal Maximilians I. in der Hofkirche zu Innsbruck mit seinen 28 lebensgroßen Herrscherfiguren etwas von dem für Habsburg so typischen Selbstbewusstsein erahnen, ganz nahe bei Gottes Thron zu sein. Es war ja auch Maximilian, der noch in hohem Alter Papst zu werden hoffte, um höchstselbst die Kirche an Leib und Gliedern zu reformieren. Seine Enkel und Urenkel - solchen Selbstbewusstseins sicher - gehen dann kriegerisch zur Sache, um zu »bekehren«, was vom »rechten Weg« abgekommen und protestantisch geworden war. Solcherart „Bekehrung“ hatte denn auch die alte Bischofsstadt Konstanz ihre Zugehörigkeit zu Habsburg zu verdanken. Und selbst die fast revolutionär anmutende Kirchenreform der Maria Theresia – sie hatte ihren Grund in der Sorge und der Verantwortung um das Heil der Gläubigen und ihrer Kirche. Die seit Rudolf I. selbst gestellte Aufgabe des Hauses, Vogt und Förderer der Kirche zu sein – sie scheint auch hier durch.

Verein Verein Verein
Verein Maximilian I. – mit seinem Namen ist der Innsbrucks aufs Engste verbunden. 1420 war die Stadt am Inn anstelle Merans zur Hauptstadt Tirols geworden, unter Maximilian sollte sie Reichshauptstadt werden. Das hatte auch seine Gründe, hatte Maximilian doch eine treffliche Heiratspartie mit der reichsten Erbin Europas, mit Maria von Burgund gemacht – die Gewichte hatten sich wieder einmal gen Westen verschoben, die Vorlande am oberen Rhein waren über Nacht zum wichtigen Handelsstädten Brügge, Gent und Antwerpen geworden; die Vorlande konnten daraus nur profitieren. Denn wie der junge Kaiser seine Hauptstadt mit unverwechselbarer Handschrift prägte, deren Spuren wir noch heute bestaunen dürfen, so setzte sich diese fröhliche Tatkraft auch in den Vorlanden durch - die so vielfältige Bautätigkeit dieser Zeit gibt beredtes Zeugnis einer außergewöhnlichen Blütezeit auf allen Gebieten: Humanismus und Renaissance hinterlassen ihre Spuren, wovon die einzigartige Humanisten-Bibliothek im elsässischen Schlettstadt zeugt.

Aufschwung im ganzen Land: Straßen werden ausgebaut, z. B. die so wichtige über den Schwarzwald, eine Postlinie von Innsbruck ins niederländische Mecheln eröffnet, Landwirtschaft und Weinbau gefördert, das Zunftwesen reformiert. In Thann, Ensisheim und Freiburg wird das Schwarzwald- und Vogesensilber zur Münze geschlagen.

Apropos Geld - für Maximilian ein Thema: Seine zwei Heiraten waren - finanziell gesehen - durchaus ein Glücksgriff. Nicht minder jedoch die „Erbschaft» von Sigismund, dem Münzreichen, der mit einem legitimen Erben nicht aufwarten konnte. Mit Tirol und seinen Salz- und Silberbergwerken samt der Münze in Hall erhielt Maximilian einen gefüllten Säckel, mit dem sich Kriege in Ungarn und gegen Frankreich führen ließen. Und noch eine Geldbeziehung schloss dieses Erbe ein: jene zu den Fuggern. Ohne die freundliche, wenn auch nicht gerade uneigennützige Unterstützung der diskreten Augsburger Banquiers hätte Maximilian wohl wie einer seiner Vorfahren den Beinamen »mit der leeren Tasche« erhalten.

Auch die Verwaltung der Vorlande wurde reorganisiert. Die alte Hauptstadt Ensisheim bekam »Regiment und Kammer« für Vorderösterreich, wenn auch immer dem Innsbrucker »Regiment« unterstellt. Ensisheim sollte Regierungssitz bleiben bis zum Westfälischen Frieden 1648, als das Elsass für das Haus Habsburg endgültig verloren ging. Freiburg im Breisgau wurde danach Sitz der vorderösterreichischen Regierung und konnte dann 100 Jahre später ähnlich blühende Zeiten unter der Ägide der tatkräftigen Kaiserin Maria Theresia erleben. Wenn auch zu jener Zeit im Schwarzwald die Salpeterer für Aufstand sorgten, Handel und Wandel blühten, das Schulwesen und die Universität wurden reformiert, Krankenhäuser eingerichtet, Pfarreien gegründet, Straßen gebaut, die Verwaltung reorganisiert; die Freiburger Münze hatte Hochkonjunktur.

Hatten die Städte in den frühesten Zeiten
für die Stammlande keine allzugroße Bedeutung - sieht man von den Bischofsstädten ab, die ein Eigenleben fühVerein rten - so sollte sich dies im Laufe der habsburgischen Erwerbspolitik ändern. Die Liste dieser Erwerbungen von der Mitte des 13. bis ins 18. Jahrhundert hinein liest sich wie ein Vademecum attraktiver Städte: Pfirt, Belfort, Altkirch, Thann, Hagenau, Breisach, Freiburg, die vier Waldstädte Säckingen, Laufenburg, Rheinfelden und Waldshut, Schaffhausen, Villingen, Sigmaringen, Mengen, Horb, Rottenburg, Oberndorf, Ehingen, Bad Waldsee, Weingarten, Tettnang, Bregenz, Feldkirch - die Liste ließe sich beliebig verlängern. Als Zentren von Handel und Wandel waren die Städte naturgemäß gute Steuerquellen, die spätestens dann wichtig wurden, wenn es Krieg zu führen galt, gegen Frankreich und die separatistischen Eidgenossen, gegen die nicht rechtgläubigen Protestanten wie gegen die ungläubigen Türken, ja selbst Kaiserwahlen waren eine Frage des Geldes. Städte – das bedeutete auch Infrastruktur: Verwaltung Krankenhäuser, Poststationen, Gasthäuser und Herbergen, Sitz und Platz der Gerichtsbarkeit. Landstriche ließen sich verwüsten, mit Städten konnte man indes Herrschaften verteidigen. Ihre wachsende Bedeutung hat sich nicht zuletzt in einem steigenden Selbstbewusstsein gegenüber Herrscher und Krone niedergeschlagen.

Die Städtebünde im Elsass, am oberen Neckar und in Schwaben trugen dem Rechnung - geblieben ist indes bis heute der so typische Charme dieser vorderösterreichischen Landstädte. Ob in den Städten oder in den Landschaften - die besonderen Habsburger Eigenarten haben den Menschen gerade in Vorderösterreich ihr ganz besonderes Gepräge gegeben, einen Lebensstil, auch den schönen Dingen zugewandt - Habsburgererbe!

Schon von Kaiser Rudolf I. berichten unzählige Legenden, dass er bei aller Frömmigkeit sehr volksnah mit seinen Untertanen gar fröhlich festen und feiern konnte - das färbt ab auf die Menschen. Ganz in dieser Tradition dann auch Maximilian I., dessen heitere, lebenslustige Art nicht wenige Legenden bezeugen.

Musik und Tanz, die fröhliche Gesellschaft, eine heitere Gelassenheit für die schönen Seiten des Lebens, und nicht zuletzt der Sinn für’s Gute aus Küche und Keller - es entsprang seinem frischen, heiteren Naturell, das ausstrahlen, ja begeistern und ansteckend konnte.

Verein Ganz in dieser Tradition die dritte, für die Vorlande so wichtige Kaisergestalt: Maria Theresia. Bei aller staatsmännischen Ernsthaftigkeit , ihre freundliche, Menschen zugewandte, gütige, mütterlich-charmante Art war nicht nur bei Hofe ansteckend, sie war geradezu durchschlagend bis zu ihren Untertanen. Der Sinn fürs Gerade, für Offenheit und Menschlichkeit stand bei ihr oben an. Es war eine ihrer hervorstechendsten Gaben, diese herzliche Art weitergegeben und als Lebensstil etabliert zu haben. Habsburger Eigenarten allesamt - sympathische! Sie haben den Menschen in den ehemals vorderösterreichischen Landen und ihrem Leben jene heitere Art geschenkt, die man so gerne an ihnen mag.

Nützliche BibliografieVerein

• DÖBELI, Christoph (Autorenteam)
«Die Habsburger zwischen Rhein und Donau» (1996),
Association/Verein «Sur les traces des Habsbourg / Auf den Spuren der
Habsburger» Colmar et/und der Erziehungsdepartement des Kantons
Aargau Aarau, , ISBN 3-95206-90-1-9.

• DÖBELI, Christoph (collectif d’auteurs)

«Les Habsbourg : du Rhin au Danube» (1996),
Association/Verein «Sur les traces des Habsbourg / Auf den Spuren der

Habsburger» Colmar et/und der Erziehungsdepartement des Kantons
Aargau Aarau, ISBN 3-95206 90-2-7.


 • SPECK, Dieter
«Vorderösterreichs» (2010),
DRW-Verlag Weinbrenner Leinfelden und G.Braun Buchverlag
Karlsruhe, ISBN 978-3-7650-8554-3.